Die Suche nach Produkten verändert sich grundlegend. Statt sich durch Suchergebnisse, Vergleichsportale und einzelne Publisher-Websites zu klicken, stellen Nutzer ihre Fragen zunehmend direkt an KI-Systeme wie ChatGPT, Gemini und andere Large Language Models (LLMs). Die Antwort kommt unmittelbar, häufig inklusive Empfehlungen, Bewertungen und Quellen.
Für das Affiliate-Marketing markiert diese Entwicklung einen Wendepunkt. Denn wenn die Recherche stattfindet, ohne dass Nutzer auf einen klassischen Suchtreffer klicken, verliert der Klick als zentrale Messgröße an Bedeutung. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten: Publisher-Content kann zur Wissensquelle für KI-Systeme werden, Marken können bereits im Upper Funnel sichtbar werden und Affiliate-Marketing kann sich stärker als verbindendes Element zwischen Performance, Content, Trust und Brand Awareness positionieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Welcher Publisher erzeugt den letzten Klick? Sondern zunehmend: Welcher Publisher beeinflusst die Entscheidung, bevor überhaupt ein Klick entsteht?
Von der Suchmaschine zur Antwortmaschine
Die klassische Customer Journey beginnt häufig mit einer Suchanfrage. Nutzer recherchieren ein Produkt, vergleichen verschiedene Anbieter, lesen Testberichte und Bewertungen und gelangen schließlich über einen Klick zum Shop. Generative KI verändert dieses Muster. Aus einer Vielzahl einzelner Suchergebnisse wird eine zusammenhängende Antwort. Ein LLM kann beispielsweise auf die Frage nach den besten Laufschuhen verschiedene Produkte miteinander vergleichen, Vor- und Nachteile erläutern und Quellen nennen ohne, dass Nutzer dafür zunächst zahlreiche Suchergebnisse öffnen müssen.
Dieser Wandel wird häufig als Zero-Click-Suche bezeichnet: Die Information wird direkt auf der Oberfläche der Such- oder KI-Anwendung konsumiert, ohne dass ein weiterer Klick auf die ursprüngliche Quelle erforderlich ist. Für Affiliate-Marketing ist das besonders relevant. Denn der klassische Mechanismus: Content → Klick → Shop → Conversion wird an einigen Stellen durch Content → KI-Antwort → Kaufentscheidung ergänzt. Der Klick verschwindet damit nicht. Er ist aber nicht mehr zwingend der erste oder wichtigste Indikator für den Einfluss eines Partners.
Publisher werden zu Quellen für KI-Systeme
Genau hier entsteht eine große Chance für Publisher. Produkttests, Vergleiche, Reviews, Erfahrungsberichte und redaktionelle Empfehlungen enthalten Informationen, die über klassische Produktdaten hinausgehen. Während ein Produktfeed beispielsweise Preis, Farbe, Größe oder technische Eigenschaften liefern kann, beantwortet hochwertiger Publisher-Content Fragen wie:
- Für wen eignet sich das Produkt?
- Wie schlägt es sich im Alltag?
- Welche Vor- und Nachteile gibt es?
- Wie unterscheidet es sich von Wettbewerbsprodukten?
- Welche Erfahrungen haben andere Nutzer gemacht?
Diese Einordnung macht Content für Menschen wertvoll und kann ihn gleichzeitig für KI-Systeme interessant machen. Damit verändert sich die Rolle des Publishers. Er ist nicht mehr ausschließlich Traffic-Lieferant, sondern kann zur Quelle innerhalb einer KI-generierten Antwort werden.
LLM-Sichtbarkeit wird zur neuen Dimension im Affiliate-Marketing
Für Advertiser eröffnet sich damit ein neues Analysefeld. Statt ausschließlich zu fragen, wie viele Klicks ein Publisher erzeugt oder wie viele Sales über einen Affiliate-Link generiert werden, können Marken stärker untersuchen, wie häufig und in welchem Kontext ihre Marke und ihre Partner in relevanten KI-Antworten auftauchen.
Dafür lassen sich relevante Fragen und Prompts definieren und regelmäßig mit unterschiedlichen KI-Systemen testen. So kann beispielsweise analysiert werden:
- Welche Publisher werden als Quellen genannt?
- Wie sichtbar ist eine Marke im Vergleich zum Wettbewerb?
- Welche Inhalte erzeugen besonders viel KI-Sichtbarkeit?
- Wie verändert sich diese Sichtbarkeit über die Zeit?
- Wird eine Marke positiv, neutral oder kritisch dargestellt?
Diese sogenannten Citations schaffen damit eine neue Perspektive auf Publisher-Leistung. Auch dann, wenn noch kein klassischer Klick stattgefunden hat. Allerdings sind LLM-Antworten dynamisch. Sie können sich je nach Modell, Zeitpunkt, Nutzerkontext und Formulierung des Prompts verändern. Die derzeitigen Messansätze liefern deshalb wichtige Indikatoren, sind aber noch keine vollständige Abbildung der Customer Journey.
Zero-Click im Affiliate-Marketing: Wie lässt sich Leistung künftig messen?
Mit der neuen Form der Sichtbarkeit stellt sich unmittelbar die Frage nach der Attribution. Im zweiten Teil des Live-Podcasts Affiliate TalkxX diskutieren Julian Weiß, Benjamin Gromann von Tradedoubler, Yann Dutertre von Awin und André Kögler von impact.com genau diese Herausforderung: Wie lassen sich Affiliate-Leistungen in einer Customer Journey messen und vergüten, in der immer mehr Interaktionen innerhalb von KI-Systemen stattfinden?
Ein Ansatz ist die bereits beschriebene Analyse von Citations. Sie macht sichtbar, welche Publisher bei relevanten Prompts in KI-Antworten auftauchen. Daraus lassen sich erste Kennzahlen für Sichtbarkeit und Content-Einfluss entwickeln. Spannend wird es bei der Vergütung. Neben dem klassischen CPO werden im Podcast unter anderem Pay-per-Citation, Pay-per-View und Pay-per-Content als mögliche Ergänzungen diskutiert. Der Gedanke dahinter: Ein Publisher schafft bereits Wert, wenn sein Content dazu beiträgt, dass eine Marke oder ein Produkt in einer relevanten KI-Antwort erscheint, selbst wenn daraus nicht unmittelbar ein Affiliate-Klick entsteht.
Was Advertiser jetzt tun sollten
Die Zero-Click-Entwicklung bedeutet nicht, bestehende Affiliate-Programme komplett neu aufzusetzen. Sie bietet vielmehr die Chance, die eigene Partnerstrategie schrittweise weiterzuentwickeln. Advertiser sollten zunächst relevante Fragen und Themen identifizieren, bei denen ihre Zielgruppen KI-Systeme für die Recherche nutzen könnten. Anschließend lohnt sich die Analyse, welche eigenen Partner für diese Themen besonders relevante Inhalte liefern. Parallel kann KI-Sichtbarkeit kontinuierlich beobachtet werden:
- Welche Publisher werden genannt?
- Welche Marken sind sichtbar?
- Welche Inhalte werden zitiert?
- Und wie verändert sich die Präsenz im Zeitverlauf?
Auf dieser Grundlage können erste Tests mit ergänzenden Vergütungsmodellen und neuen Attributionsansätzen erfolgen.
Fazit
Die Zero-Click-Zukunft bedeutet nicht das Ende des Affiliate-Marketings, sondern eine Erweiterung seiner Rolle. Der klassische CPO bleibt eine wichtige Kennzahl. Doch er kann künftig nur einen Teil des tatsächlichen Werts eines Partners abbilden. Neben Sales gewinnen vor allem Sichtbarkeit, Citations, Content-Leistung, Trust und vorgelagerter Einfluss an Bedeutung. Die Branche steht deshalb vor der Aufgabe, diese Leistungen messbar und vergütbar zu machen.
Die Entwicklung von probabilistischen Analysen hin zu deterministischeren Attributionsmodellen könnte dabei ein wichtiger Schritt sein. Gleichzeitig entstehen mit Pay-per-Citation, Pay-per-Content und weiteren hybriden Modellen neue Möglichkeiten für die Monetarisierung. Die Zero-Click-Zukunft ist damit nicht das Ende des Affiliate-Marketings. Sie könnte vielmehr der Beginn einer neuen Phase sein, in der der Kanal seine Stärke entlang der gesamten Customer Journey ausspielt.

